Die Sprache der Bilder

 

Zu den Bildern von Gudrun Höritzsch

 

 

Es gibt diesen berühmten Satz von Ludwig Wittgenstein:

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

 

Ganz abgesehen davon, dass er ihn ohnehin etwas anders gemeint hat, als wir ihn meist verstehen, ist das nur die halbe Wahrheit – denn worüber man nicht sprechen kann – oder möchte – das kann man malen, zeichnen, drucken...., auch tanzen, spielen, darstellen....

 

Womit wir bei den Bildern Gudrun Höritzschs wären. Es sind Bilder, die sich auf ganz eigenartige Weise der Sprache entziehen, weil sie ihre Geschichten mit bildnerischen Mitteln und eben anders als mit Worten erzählen – als Kompositionen in Farben, Strichen, Flecken, Kratzern, Prägungen, die sich zu mehr oder weniger erkennbaren Figuren, Gegenständen, Häusern, Landschaften, farbigen Figuren und Wesen fügen – immer etwas anders und immer über das hinausgehend, was wir zu kennen und zu erkennen meinen.

 

„Ich weiß nicht genau, wo ich beginnen soll. Es ist schwer. Da ist all die vergangene Zeit, die die Worte nicht hervorholen werden, da sind die Gesichter, das Lächeln, die Wunden. Dennoch muss ich versuchen auszusprechen, was... mein Herz nicht zur Ruhe kommen lässt. Das schlechte Gewissen, die wichtigen Fragen. Ich muss das Geheimnis mit dem Messer öffnen wie einen Bauch, muss es ergründen, selbst wenn sich dadurch rein gar nichts ändern wird.“ Schreibt der wunderbare französische Schriftsteller Philipp Claudel über das Schreiben eines wunderbaren Romans namens „Die grauen Seelen“. Darin seziert er die Seelen der Bewohner eines Dorfes, die Schreckliches, aber auch Schönes erlebt haben. Und so ähnlich ist das wohl auch mit den Bildern von Gudrun Höritzsch, so ähnlich ist das wohl mit dem Malen, dem Zeichnen, mit jeder Kunst überhaupt. Sie ist wie schmerzhaftes oder auch lustvolles (was manchmal dasselbe ist) Sezieren dessen, was man erlebt, erdacht, gewünscht, geträumt hat, dessen, wovon man eben nicht sprechen kann.

 

Tatsächlich sind Gudrun Höritzschs Bilder oft wie Quer- oder Längsschnitte durch Orte, Gedanken, Gefühle, Situationen, Simultanaufnahmen von Seelenzuständen, Empfindungen, Meinungen, die sich nicht so leicht auf einen Nenner, auf einen Satz, oft aber auf einen Titel bringen lassen. Sie legen viele Schichten des Lebens und der Welt frei – und wie immer, wenn man etwas freilegt, verdeckt man etwas anderes.

 

Da sind die Orte, die auf dramatischen Untergrund stehen. Während sich oben nur ganz schlicht Häuser und Wege zeigen, fest und für jeden sichtbar, harmlos und immer für ein Postkartenmotiv gut, toben die wahren Konflikte darunter in einer durchlöcherten, umkämpften Erde voller Hohlräume, Verdichtungen, Verwerfungen, Holzwege, Sackgassen und Querverbindungen. Dies erinnert in doppelter Weise an Landschaften wie die, in der Gudrun Höritzsch lebt, im Erzgebirge, das seinen Reichtum und sein Dilemma diesen unterirdischen Turbulenzen verdankt, das aber, provinziell, wie es nun einmal meistens auch ist, in jeder Beziehung auch Wert auf den schönen, idyllischen Schein und die verschlossene Tür legt, hinter der sich die wahren Dramen des Lebens abspielen und das, wie alle Welt, auf unsicherem Grund steht. Dies aufzugreifen wiederum hat gar nichts mit Provinz zu tun – eher mit der Provinz, die die Welt überall ist, am deutlichsten dort, wo sie sich ganz bewusst verschleiert.

 

Manchmal scheinen in diesen Bildern Sonnenauf- und -untergang gleichzeitig stattzufinden, und in den Köpfen ist viel Raum für alle möglichen Gedanken, für Erfahrungen, Ängste, Hoffnungen - oft geben die Titel, auf die Gudrun Höritzsch viel Wert legt, einen Hinweis, in welche Richtung das Denken gehen könnte. Da gibt es eine „gläserne Wand“, die keinen Schutz bietet und vielleicht doch noch mehr trennt, als es eine gemauerte Wand tun könnte. Da sind die „Treppchensteiger“, denn für eine dunkle Ironie ist Platz, und einen „Feldbefehl“ gibt es auch. Manchmal gibt es die wahren Abenteuer in einem wahren Kopf, manchmal angedeutete zwischenmenschliche Beziehungen, manchmal den Einzelnen oder die Einzelne, eingehüllt in einen Schutzraum, der nicht wirklich schützt.

 

Manchmal erinnern die Bilder an die Arbeit des Bergmannes, wie ihn Novalis beschrieben hat: „Arm wird der Bergmann geboren, und arm geht er wieder dahin. Er freut sich mehr über die wunderlichen Bildungen der metallischen Mächte, die Seltsamkeiten seiner Herkunft und ihrer Wohnungen, als über ihren alles verheißenden Besitz.“

 

Wie in aufgebrochenen Kristallen und nicht nur zum Schmuck gibt es in vielen Bildern geheime Zeichen, Symbole, Runen, Einsprengsel, Verkapselungen, Elemente aus der Natur, die auf das Leben mit all seinen Verzweigungen, Verästelungen hindeuten. Manchmal scheinen sich die Farben geradezu befreien zu wollen, ohne dass es ihnen gelingen würde, manchmal scheinen die Bilder fast an ihrer eigenen Erzählung zu ersticken, werden jedoch immer aufgefangen vom kultivierten Farbempfinden der Künstlerin und der intuitiven Komposition, die sich den Farben und Formen auch ausliefert und Zufälle beim Malen und Zeichnen geschehen lässt.. Kein Zufall, dass die Bilder oft in aufwändigen Techniken – mehrfarbigen Holzschnitten, Übermalungen grafischer und zeichnerischer Elemente – gemacht sind, die nicht nur der Wahrheit des ersten expressiven Strichs vertrauen, sondern während der Arbeit Veränderungen zulassen. Auch ihren Gemälden sieht man an, dass Gudrun Höritzsch von der Grafik kommt.

 

Und letztendlich erzählen diese Bilder auch davon, dass es uns nicht nur gut gegangen ist in all diesen Jahren. Dass sie trotzdem nicht in dunklen Farben verharren, sondern oft in einem ganz zauberhaften Licht strahlen, mag einem Grundvertrauen entspringen, dass vielleicht mit dem Satz von Ernst Bloch am besten beschrieben ist: „Wenn wir aufhören zu hoffen, kommt, was wir befürchten, bestimmt.“ Wenn wir nur hoffen, übrigens auch....

 

Und so sind diese Bilder wie erdachte Traumlandschaften oder wie geträumte  Denklandschaften - im Werden, im Fluss, in einer stetigen Veränderung. Diese Bilder erzählen davon, wie weit Schein und Sein manchmal auseinander klaffen, und die hellen, leuchtenden Farben täuschen manchmal darüber hinweg, dass das Nachdenken traurig macht – aber deshalb ist es ja das Denken. Nur wer nie denken würde, könnte immer fröhlich sein. Die andere, die nachdenkliche Traurigkeit hingegen, kann man auch in heiteren Farben malen, die kann man sogar heiter ertragen. Und vielleicht geht es uns damit wie mit den Morgenland-Bildern, die Novalis in seinem „Heinrich von Ofterdingen“ beschreibt: „Man sinnt und sinnt, einzelne Bedeutungen ahnet man... Der unbekannte Geist derselben erregt ein ungewöhnliches Nachdenken, und wenn man auch ohne den gewünschten Fund von dannen geht, so hat man doch tausend merkwürdige Entdeckungen in sich selbst gemacht, die dem Leben einen neuen Glanz und dem Gemüt eine lange, lohnende Beschäftigung geben.“

 

 

 Matthias Zwarg     2010

 

 

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Zur Ausstellung  "Ein Quantum Trost"


Vor dem Was kommt das Wie. Aber das Was folgt nach.

       In der Wahrnehmung jedenfalls meistens, mithin in der Kunst. Ich spreche vom

Erzählen, ich spreche vom Theater, von Sprache spreche ich, vom Deutlichmachen und

vom Undeutlichen, wenn ich von diesen Bildern rede, die lautlos, aber nicht sprachlos,

unbeweglich, aber das Auge auf Trab haltend hier in der Galerie Laterne an der Wand

hängen. Alles sonst geschieht im Auge des Betrachters.

       Gudrun Höritzsch erzählt uns etwas, indem sie es u.a. in Holz schneidet und druckt -

in der Technik der verlorenen Form, die nur so heißt, denn eigentlich wird ja in ihr eine

Form gefunden. Aber wie Gudrun Höritzsch das tut, wird immer auch etwas vom Holz

erzählt, ja, im besten Fall scheint es, als erzähle das Holz selbst etwas von sich, da wird es

zum Sprechen gebracht über sein Wachsen, über's Abgeholztwerden, über's Trocknen und

Reißen, über's Sich-Aufbäumen, Hobel und Säge, Leim und Verschränkun; ins Rauschen

der Wipfel nebenan mischt sich das Knacken im Gebälk, so geht es nämlich zu im Ober-

stübchen; das Mobilar spricht von Säge und Messer, von Kerbe und Schnitt, von knarrenden

Dielen in der Erinnerung - und Holzhacken für den Ofen, von Leisten, Balken und Brettern,

Splittern und Spänen - man könnte hier vom Hölzchen auf's Stöckchen kommen, wenn man

dem zuhört und das gehörte referiert.

        Und nicht nur im Holzschnitt geht davon die Rede. Dieselbe Grammatik der Formen,

derselbe Wortschatz des bearbeiteten Holzes, so möchte ich es einmal nennen, tritt uns

auch auf den Bildern in Öl auf Leinwand - collagiert mit älteren Materialien oder über-

zeichnet mit Kreide - und auch in den gleich als Mischtechnik ausgewiesenen Arbeiten auf

Papier oder Bütten entgegen. So entsteht ein sprachlicher Kosmos aus Anspielungen und

Handlungsrahmen, Grob- und Feinstruktur der Erzählung, die sich daraus entfaltet.

Immer kommen sozusagen zwei Geschichten auf die Bühne von Gudruns Welttheater,

die miteinander verflochten sind - und nicht als Inhalt und Stil voneinander zu trennen.

       Was uns vordringlich interessieren soll, ist, wie sich diese immanente Geschichte vom

Holz, die selbstverständlich für eine Geschichte vom Menschen steht, jeweils zur anderen

Erzählung im Bilde, also der von den Türmen und Brücken, Schachspielern, Städten und

Königreichen, die uns im Titel versprochen und über alle fünf Akte bis zum Schluss vorgeführt werden, verhält. Ich gebe vier Beispiele.

      Ein Bild heißt "Das Haus auf meinen Schultern" (Holzschnitt aus dem Jahr 2014).

Die Schultern sehen wir nicht, stattdessen das Haus wie einen eingezogenen Kopf bis an die

Dachtraufe in der Erde versunken - oder ist das die Horizontlinie, also nur im Hintergrund,

der sich in der Malerei, die alles nebeneinander setzt, nach vorn verschiebt? Wahrscheinlich,

aber da der Horizont ja auch Himmel und Erde trennt - seit dem Barock, das die Teilung in

beide Bildhälften einführte, heißt es: Himmelreich und Jammertal..., bleibt bestehen: In

den Himmel wächst hier kein Traum, kein Baum, stattdessen wird eine deutliche Trennung

zweier Sphären anvisiert. Im unteren Teil sammelt sich das Schwere, Lastende, da gehen

auch die Dämonen ums Haus, im oberen Teil gibt es Luft und Licht, selbst die Fenster sind

ausschließlich da oben, ein Etwas hängt kopfüber von der Decke, dass die Dämonen hier

fernhält. Aber diese strikte Teilung in oben und unten ist dann auch wieder aufgehoben -

einmal durch die Spiegelbildlichkeit der Sphären: die untere scheint sich zuspitzen zu

Wollen, als ob die der oberen, dem Dach, ähnlich werden könne, was freilich nicht völlig

gelingt, denn sie muß ja noch das Fundament bilden. Andererseits ist dem Haus auch das

Bild eines Baumes zentraleingeschrieben, dessen Wurzel einer der Hausdämonen bildet, der

lebendigste, rumorendste, eine Art Alraune. Den Stamm verdeckt fast völlig eine Leiter,

die nicht allein den Aufstieg ermöglicht, denn auch nach unten dringt das obere Lebens-

element, Luft und Licht - ich sagte es bereits, durch und schafft Raum zwischen all dem

dort aufgestapelten Ballast, bevor es am unteren Bildrand versickert. Nur so kann da unten

überhaupt noch gelebt werden, wo schon von außen die Nacht eindringt, die auch die

Himmelskörper wie einen Hof umgibt. Und es wird gelebt, ganz offenbar, mit einer

manchmal ans Groteske grenzenden Vehemenz. Darauf deutet die bis ins Detail durchge-

haltene skurrile Bildsprache, die das alles auch immer noch auf Distanz hält. Darauf deutet

auch der zackig, flackernde Stil, in dem das alles erzählt wird. Das Haus auf den Schultern

ist auch der Kopf auf den Schultern. Die Dämonen können bei näherem Hinsehen auch eine

ganz natürliche Erklärung finden usw. - Ich belasse es (für dieses Bild) dabei und überlasse

aller Selber-Sehenden ihren eigenen Gedanken und Gefühlen,

     Was uns an Kunst interessiert, ist ja nicht ihr konkreter privater Hintergrund, über den

wir freilich gern spekulieren, weil wir alle nichts wissen, gar nichts, wir Klatschbasen...

und dann stehen wir mit beiden Beinen im Fettnapf. Nein. - Was uns an Kunst berührt, ist

das, was sich verallgemeinert über die üblichen Verallgemeinerungen hinaus oder an ihnen

vorbei: das Individuelle und sein anrührender Ton, der uns im Inneren mitschwingen lässt,

ohne dass wir das Rätsel seiner Herkunft lösen. Dieser Ton ist nur über einen Mut zu

erreichen, der sich auch schützen muss.

     Häufig tauchen Messer als Metapher und Verletzungen als Thema in den Bildern auf.

Auch Fesselung, "Mundtot" und ausweglose Spielsituationen, Türme, Mauern, Grenzen.

Harmlos oder gesellschaftsfern ist Gudrun Höritzschs Kunst nicht. Vom Idyll kann keine

Rede sein, allenfalls vom geplatzten. Ein Holzschnitt heißt: "Auf Messers Schneide", eine

Collage, Öl auf Leinwand von 2012 lässt "Die Brücke" über aufgestellten Klingen gehen.

Man erinnert sich:Jungs reißen Latten vom Zaun, um sie als Schwerter zu kreuzen - dieses

Bild lebt fort in den Träumen von Staketen und Palisaden, den Einfriedungen, die Frau und

Mann umstellen; Messer aus Holz, Menschen als ein Aufbäumen, störrische Triebe, ein-

schneidende Maßnahmen. - Es reicht nicht aus, das wird bis jetzt schon klar geworden sein,

den Themenkreis von Holz und Wald auf Natur und Landleben zu beschränken. Im

Wilischthal wohnt man am Wald, aber Hinterwäldlerei ist Gudrun Höritzsch fremd. Wie man

schon dem Thema, erst recht - natürlich - dem Bild "Gesellschaftsgleichnis" (Öl, Kreide auf

Hartfaser) entnehmen kann, öffnet sich das Private durchaus zum Sozialen hin:

     Die Distanz zwischen zwei Grundstücken ist nur ein Katzensprung, aber schon für die

Katze ist er nicht ungefährlich. Für Menschen allenfalls ein Traum, ein Ideal, das als weißes

Band, ein Schleier (?), leicht wie Tüll, die Brücke in den Himmel schlägt. Denn eine Doppel-

reihe spitzer Zaunpfähle ist praktisch unüberwindbar, ja, sie ist sogar durch einen purpurnen Vorhang gewissermaßen geheiligt. Hier herrscht fremdes Eigentumsrecht. Noch

genauer zu werden, verbietet sich, denn es soll ja gerade nicht um Propaganda gehen,

sondern um ein verallgemeinerbares "Gleichnis", das für viele Absurditäten steht, die sich

im Grunde selbst gleichen. Gerade das wehende Band über dem Katzensprung ist die Pointe des Bildes, meine ich - und sehe ich, denn dieses Bildelement ist es, das lebt, flattert, sich

bewegt. Freilich lässt sich das alles auch ganz anders deuten, aber diese Deutung ist meine.

       "Spiel-Ende die Türme bleiben" heißt eine weitere Arbeit in Mischtechnik auf Papier- Die Türme, selbst auf einem  Schachbrettmuster fußend, sind die Spieler, das Brett mit dem Schachmatt für einen von beiden oder dem Remis? - das wissen wir nicht, steht wie

ein geschlossenes Tor aufgerichtet, den Zugang zu den Trümmern der Schlacht, vermutlich

den Leichenbergen der geschlagenen Firuren verstellend. Ganz hinten erhebt sich eine Art

Neues Jerusalem in den Himmel, als wäre die Apokalypse gerade vollbracht; das wird ja immer gesagt, dass sich nach dem letzten Gefecht das Gute vom Verworfenen trennnt und belohnt wird, damit die Opfer nicht umsonst waren.

      Aber die Türme bleiben, der Entgültigkeit ist nicht zu trauen. Wird es eine Revanche

geben? Sicherlich. Nach dem Spiel, könnte man verharmlosend sagen, ist vor dem Spiel,

doch die zinnenbewehrten Turmkronen deuten auf eine Stabilität, die nicht viel Spielerisches an sich hat. Im Bild ist es eng geworden. Mit den Spielen der Macht, denke ich, ist nicht zu spaßen. Allerdings - ganz unbeschädigt ist der Burgfrieden nicht und auch das Tor scheint nicht ganz mehr zu verschließen...

       Bevor uns das im Titel der Ausstellung versprochene "Quantum Trost" ganz und gar

nur noch als ein Quäntchen erscheint und wir uns mit dieser Dosis womöglich zufrieden

geben, möchte ich ein weiteres Blatt (Mischtechnik auf Bütten von 2014) aufschlagen, nämlich das Bild "Haus der schönen Künste". Welches Haus konkret gemeint sein könnte,

weiß ich nicht. Jedenfalls ist es ein verhältnismäßig kleines, zwei bis drei Stockwerke hoch, innen größer wirkend als von außen, offen und einladend, was besonders hervorgehoben ist,

weil es vor der Brandmauer eines größeren Hauses steht, auf die es allerdings abgefärbt

zu haben scheint. Allerlei Zeichen sind da auf den Putz gehauen, wohl eher unbefugt als im Auftrag des Vermieters, aber man weiß ja mittlerweile gar nicht mehr, ob so was die

Lebensqualität im Viertel nun senkt oder doch merklich anhebt. Die schönen Künste selbst,

soweit sie im Haus wohnen, sind teils zum niederknien, teils knien sie selbst und beugen

den Hals wie ein Fragezeichen, teils spuken sie auch durch die Etagen oder spielen Totem

und Tabu - frei nach Siegmund Freud. Wir sind hier in der Stadt und Holz bleibt hier

weitgehend unter der Decke. Viel Grün scheint hier nicht zu sprießen, dafür manches

andere. Die Komposition wirkt durch die Umverteilung der Lasten wie eine Umkehrung des

eingangs beschriebenen "Haus"(es) "auf den Schultern". Das belebende Element ist hier das

untere. Es breitet sich in der Stadt aus und stichelt nach oben, wo der Himmel bewölkt, aber die graue Langeweile nicht mehr lange zu halten ist. Man darf getrost auch darin ein

Gesellschaftsgleichnis sehen.



Hans Brinkmann        März 2015